Stammzellen statt Prothese?
von Josef Donnerer
Neue Wege bei Arthrose und Gelenkbeschwerden
Wer unter fortgeschrittener Arthrose leidet, kennt häufig einen ähnlichen Behandlungsweg: Schmerzmittel, Physiotherapie, Kortison, Hyaluronsäure oder Eigenblutbehandlungen – und wenn diese Möglichkeiten ausgeschöpft erscheinen, steht irgendwann der künstliche Gelenkersatz im Raum.
Doch gibt es zwischen konservativer Standardtherapie und Operation noch andere Möglichkeiten?
Genau darum geht es in einem ausführlichen Podcastgespräch mit Dr. Daniel Filesch, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit Spezialisierung auf regenerative Orthopädie. Nach seiner klinischen Ausbildung und eigener operativer Tätigkeit konzentrierte er sich zunehmend auf Verfahren, mit denen geschädigte Gelenke möglichst lange erhalten und Operationen hinausgezögert oder in geeigneten Fällen vermieden werden sollen. Dazu beschäftigte er sich auch international mit Behandlungsverfahren, die in der klassischen orthopädischen Versorgung in Deutschland bislang wenig verbreitet sind.
Was bedeutet „regenerative Orthopädie“?
Das Grundprinzip ist leicht verständlich: Statt ausschließlich Schmerzen zu unterdrücken oder ein geschädigtes Gelenk durch eine Prothese zu ersetzen, versucht die regenerative Orthopädie, die körpereigenen Reparatur- und Regulationsmechanismen zu unterstützen.
Dr. Filesch beschreibt im Gespräch unterschiedliche Ansätze. Neben bekannten Verfahren mit Hyaluronsäure oder aufbereitetem Eigenblut beschäftigt er sich insbesondere mit körpereigenen Stammzellen aus Fettgewebe.
Dabei darf man sich Stammzellen nicht einfach als eine Art „Ersatzteil“ vorstellen, das in das Knie gespritzt wird und dort neuen Knorpel wachsen lässt. Nach der Erklärung von Dr. Filesch liegt ein wesentlicher Effekt vielmehr in den Signal- und Regulationsprozessen, die solche Zellen in ihrer Umgebung auslösen können. Ziel ist es, das biologische Umfeld eines geschädigten Gelenks positiv zu beeinflussen und damit Beschwerden und Funktion zu verbessern.
Die Zellen werden dabei aus körpereigenem Fettgewebe gewonnen, aufbereitet und anschließend gezielt in das betroffene Gelenk eingebracht.
Keine Wundertherapie
Ein wichtiger Punkt des Gesprächs sollte bei aller Begeisterung für neue Verfahren nicht übersehen werden: Auch eine Stammzellbehandlung garantiert keinen Erfolg.
Dr. Filesch sagt selbst ausdrücklich, dass die Behandlung nicht bei jedem Menschen wirkt und er sie nicht als universell beste Therapie betrachtet. Entscheidend seien der Zustand des Gelenks, die individuelle Situation des Patienten und insbesondere die Frage, welche Behandlungsalternativen noch vorhanden sind.
Der interessante Gedanke lautet daher nicht „Stammzellen statt Prothese für jeden“, sondern vielmehr:
Bevor eine endgültige Entscheidung für einen Gelenkersatz getroffen wird, kann es sinnvoll sein zu prüfen, ob im individuellen Fall noch gelenkerhaltende Möglichkeiten bestehen.
Das betrifft nicht nur Stammzellen. Im Podcast werden auch andere wenig bekannte Verfahren angesprochen – beispielsweise Behandlungen bestimmter Schulterverkalkungen, Baker-Zysten sowie minimalinvasive Verfahren bei Karpaltunnelsyndrom und Schnappfinger.
Warum hört man davon so wenig?
Ein erheblicher Teil des Gesprächs beschäftigt sich mit dieser Frage. Nach Einschätzung von Dr. Filesch gehören viele regenerative und neuere minimalinvasive Verfahren nicht zur üblichen Facharztausbildung und werden von den gesetzlichen Krankenkassen teilweise nicht übernommen.
Die Folge: Patienten erfahren möglicherweise erst dann von solchen Möglichkeiten, wenn sie selbst danach suchen oder eine weitere ärztliche Meinung einholen.
Gerade deshalb erscheint uns eine Aussage aus dem Gespräch besonders wichtig: Die Diagnose einer fortgeschrittenen Arthrose und selbst die Empfehlung einer Prothese müssen nicht bedeuten, dass man sich sofort für diesen Weg entscheiden muss.
Eine Zweitmeinung und eine sorgfältige Prüfung der vorhandenen Möglichkeiten können insbesondere vor einem nicht rückgängig zu machenden Eingriff sinnvoll sein.
Information statt Heilversprechen
Regenerative Medizin ist ein spannendes und sich entwickelndes Gebiet. Gleichzeitig müssen Nutzen, Risiken, wissenschaftliche Evidenz und Kosten eines Verfahrens immer für den einzelnen Patienten beurteilt werden. Nicht jede neue Behandlung ist automatisch besser als eine etablierte Therapie – und nicht jede Methode eignet sich für jeden Patienten.
Genau hier sieht lebegesund seine Aufgabe: Wir möchten auf interessante Entwicklungen aufmerksam machen, medizinische Zusammenhänge verständlich erklären und Menschen dabei unterstützen, die richtigen Fragen zu stellen.
Sie leiden selbst unter Arthrose oder länger bestehenden Gelenkbeschwerden und möchten mehr über regenerative Orthopädie und die im Podcast angesprochenen Verfahren erfahren?
Dann wenden Sie sich an lebegesund. Wir beschäftigen uns näher mit dem Thema, stellen weiterführende Informationen und Quellen zusammen und helfen unseren Mitgliedern dabei, sich einen Überblick über mögliche Ansprechpartner und Behandlungsansätze zu verschaffen.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Gesundheitsbildung und Information. Er ersetzt keine ärztliche Diagnose oder individuelle medizinische Beratung. Die dargestellten Behandlungsmöglichkeiten sind nicht für jeden Patienten geeignet; Wirksamkeit und wissenschaftliche Evidenz können je nach Verfahren und Erkrankung unterschiedlich sein.